25 Nov
25Nov

Wenn das Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, fühlt sich die innere Welt oft chaotisch, angespannt oder taub an. Viele Menschen beschreiben es, als würde ihr Körper ständig auf der Lauer liegen – oder im Gegenteil, wie betäubt, abgeschnitten, kraftlos.Traumasensible Berührung begegnet genau diesem Zustand: mit Achtsamkeit, mit Respekt, mit Klarheit. Und im Shiatsu bedeutet das, den Körper dabei zu unterstützen, wieder in einen Zustand innerer Sicherheit zurückzufinden – ohne das Trauma selbst zu bearbeiten.

Was bedeutet „Nervensystem-Dysregulation“?

Das autonome Nervensystem pendelt normalerweise flexibel zwischen Anspannung (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus). Wenn es jedoch durch Stress, Überforderung, Schock oder Trauma aus dem Gleichgewicht fällt, bleiben viele Menschen in einem dieser Extreme „hängen“.

Typische Anzeichen eines überaktiven Nervensystems (Hyperarousal):

  • ständige innere Unruhe
  • Schlafprobleme
  • Gereiztheit, Überempfindlichkeit, schnelle Überforderung
  • Herzklopfen, flache Atmung, Muskelanspannung
  • Schreckhaftigkeit
  • Gefühl von „zu viel“, „alles wird zu laut, zu hell“
  • das Bedürfnis ständig wachsam zu sein

Typische Anzeichen eines unteraktiven Nervensystems (Hypoarousal):

  • emotionale Taubheit oder inneres „Wegdriften“
  • Müdigkeit, Erschöpfung
  • Konzentrationsprobleme
  • das Gefühl „nicht richtig im Körper zu sein“
  • fehlende Motivation oder Handlungsfähigkeit
  • verlangsamte Bewegungen, innere Starre

Viele Menschen pendeln übrigens zwischen beiden Zuständen – ein Zeichen dafür, dass das Nervensystem versucht, irgendwie zu kompensieren.

Warum Shiatsu hier so wirkungsvoll ist

Shiatsu basiert auf achtsamer, nicht-invasiver Berührung, auf Druckpunkten entlang der Meridiane, auf Atmung, Rhythmus und Kontakt. Genau diese Elemente sprechen direkt die Körperintelligenz an – eine Ebene, die tiefer arbeitet als Worte. Bei einer traumasensiblen Shiatsu-Behandlung liegt der Fokus darauf, den Körper wieder in ein Gefühl von innerer Sicherheit zu begleiten.Nicht durch Drücken, Manipulieren oder „Reparieren“.Sondern durch Präsenz, Boden, Kontakt und Regulation.

Zentrale Wirkprinzipien im traumasensiblen Shiatsu:

1. Erdung und Orientierung

Viele dysregulierte Körper verlieren die Verbindung nach unten.Mit gezielten Techniken – etwa Stützdruck, Arbeit am Hara, Kontakt zu Füßen und Beinen – bekommt das Nervensystem ein klares Signal:„Du bist hier. Du bist gehalten. Du bist sicher.“

2. Arbeit im Fenster der Toleranz

Ich arbeite nicht in Bereichen, wo der Körper in Stressantworten kippt.Das Ziel ist Stabilisierung, nicht Aktivierung.

3. Langsame, klare Berührung

Langsamkeit ist Regulation.Sie holt den Körper aus dem Alarmmodus.

4. Kontakt statt Technik

Traumasensibles Shiatsu priorisiert Präsenz – nicht das „Abarbeiten“ von Punkten.Der Körper darf selbst bestimmen, wie tief er geht.

5. Parasympathische Aktivierung

Durch Rhythmus, Druck und Atembegleitung wird der Vagusnerv angesprochen.Der Körper gleitet in einen Zustand, in dem Erholung überhaupt möglich ist.

Warum der Vagusnerv bei Dysregulation und Neurodivergenz so entscheidend ist

Der Vagusnerv ist der Hauptnerv des Parasympathikus – also jenes Systems, das für Beruhigung, Regeneration und soziale Verbundenheit zuständig ist.Er ist gewissermaßen die „Bremsleitung“ im Körper.Wenn er gut funktioniert, können wir:

  • Stress schnell abbauen
  • uns sicher fühlen
  • Körperempfindungen regulieren
  • präsent bleiben
  • Gefühle fließen lassen
  • Sinneseindrücke besser verarbeiten

Doch bei vielen Menschen, besonders neurodivergenten (ADHS, ASS, HSP), arbeitet der Vagusnerv weniger effizient oder reagiert verzögert.

Was bedeutet das konkret?

Neurodivergente Personen berichten häufig, dass ihr Nervensystem sehr schnell in Alarm geht und nur sehr langsam wieder hinunterfährt.Grund dafür ist oft ein schwächer ausgeprägter vagaler Tonus – also die Fähigkeit des Vagusnervs, nach Aktivierung wieder in die Ruhe zu führen.

Typische Folgen eines schwachen vagalen Tons:

  • Schwierigkeiten, nach Stress wieder runterzukommen
  • schnelle Reizüberflutung
  • Gefühl, „im Kopf gefangen“ zu sein
  • Anspannung in Brust, Bauch, Kiefer
  • Verdauungsprobleme (Vagus = Darmnerv!)
  • Schlafschwierigkeiten
  • das Gefühl, nie wirklich „abgeschaltet“ zu haben
  • sozialer Rückzug, weil Begegnung anstrengend wird

Gerade neurodivergente Menschen profitieren daher enorm von Körperarbeit, die sanft den Vagus stimuliert.

Wie Shiatsu den Vagusnerv reguliert

Shiatsu wirkt genau in diesem System:

1. Tiefer, rhythmischer Druck

Die langsamen, klaren Techniken sprechen den Vagus direkt an. Der Körper versteht diese Berührung als „Sicherheits-Signal“.

2. Atemregulation durch Berührung

Wenn der Kontakt tief und weich wird, vertieft sich die Atmung automatisch – und damit steigt der vagale Ton.(Atmung ist eine direkte „Fernbedienung“ des Vagus.)

3. Arbeit am Bauch (Hara)

Ein Großteil des Vagus verläuft durch den Bauchraum.Wenn hier Weichheit entsteht, reguliert sich oft das gesamte System.

4. Aktivierung des ventralen Vagus

Das ist der Teil, der für soziale Verbundenheit zuständig ist.Durch Präsenz, sicheren Kontakt und klare Grenzen entsteht genau dieses Gefühl:Ich bin hier. Ich bin sicher. Ich bin nicht allein.

5. Regulation in den Meridiansystemen

Meridiane wie Milz, Niere, Herz und Ren Mai unterstützen die vagale Regulation, weil sie auf Stabilität, Sicherheit und Zentrierung wirken.

Warum das gerade bei Trauma wichtig ist

Der Vagus ist die Leitstelle für:

  • Freeze
  • Shutdown
  • Übererregung
  • Co-Regulation

Je besser der Vagus arbeitet, desto stabiler bleibt das Nervensystem im „Fenster der Toleranz“.Und genau dort kann Heilung, Integration und Ruhe stattfinden.

Was Shiatsu hier ausdrücklich NICHT macht

Traumasensibles Shiatsu ersetzt keine Psychotherapie.Ich arbeite nicht am Trauma, nicht an Erinnerungen, nicht an Inhalten. Ich arbeite am Nervensystem, an der Körperintelligenz, an der Fähigkeit zur Regulation. Das ist ein wesentlicher Unterschied – und gleichzeitig eine große Chance:Denn ein Körper, der wieder ruhiger und stabiler ist, kann psychotherapeutische Prozesse überhaupt erst tragen.

Warum der Körper im Heilungsprozess so entscheidend ist

Viele Menschen wissen intellektuell sehr genau, warum sie gewisse Muster haben.Doch Wissen allein reguliert kein Nervensystem. Der Körper muss sich sicher fühlen.Der Körper muss entspannen können.Der Körper muss Zugang zur eigenen Kraft bekommen. Genau dort setzt traumasensibles Shiatsu an:Es bringt den Menschen zurück in ein fühlbares „Ja“ zum eigenen Körper.

Wie eine Sitzung bei mir abläuft – traumasensibel, klar, sicher

  • Ruhiger Beginn: Orientierung, Atemanbindung
  • Sanfte Testung, wo Spannung, Haltlosigkeit oder Überladung sitzen
  • Arbeit an Hara & Meridianen, die für Stabilität wichtig sind (v. a. Milz, Niere, Herz, Blase, Ren Mai)
  • Regulation durch Kontakt, Druck, Haltepunkte
  • Integration: Zeit zum Nachspüren, Landen, Sammeln

Der Körper entscheidet immer das Tempo.Du brauchst nichts leisten, nichts erzählen, nichts „bearbeiten“.Du darfst einfach ankommen.

Für wen ist traumasensibles Shiatsu besonders hilfreich?

Für Menschen, die…

  • unter Stress, Überforderung oder Nervensystem-Überlastung leiden
  • sich oft „nicht im Körper“ fühlen
  • zu Panik, Anspannung oder innerer Starre neigen
  • ein Gefühl von innerer Haltlosigkeit haben
  • Hochsensibilität, ADHS/ADS oder ASS mitbringen
  • nach Schock- oder Krisenerlebnissen Stabilität suchen
  • Schwierigkeiten haben, sich zu entspannen oder zu erholen

Shiatsu kann hier wie ein Reset wirken – vorausgesetzt, es geschieht mit Fingerspitzengefühl und traumasensibler Haltung.

Sicherheit schafft Heilung – und der Körper kennt den Weg

Traumasensibles Shiatsu ist kein „Tool“, sondern eine Weg:achtsam, klar, respektvoll und zutiefst menschlich. Wenn das Nervensystem aus der Balance fällt, braucht es keinen Druck und keine Konfrontation – sondern Präsenz, Wärme und einen sicheren Rahmen.Über Berührung kann der Körper wieder lernen, zur Ruhe zu kommen, Spannung abzulegen und sich selbst zu regulieren.

Und genau dort beginnt echte Kraft.

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