05 Nov
05Nov

Jeden Tag atmen wir etwa 20.000-mal, meist ohne es zu merken. Doch in diesen scheinbar automatischen Atemzügen verbirgt sich ein Schatz: die wohl schnellste und natürlichste Möglichkeit, unser inneres Gleichgewicht zu beeinflussen. Atmung ist ein direkter Zugang zu unserem Nervensystem, unseren Emotionen und unserem mentalen Zustand – und doch behandeln wir sie, als wäre sie eine Nebensache.

Warum Atmung so viel mehr ist als ein physischer Vorgang

Atmen ist nicht bloß Sauerstoffaufnahme. Es ist Kommunikation.Zwischen Körper und Geist.Zwischen Nervensystem und Emotion.Unser Atem reagiert auf jede Empfindung:

  • Bei Angst wird er flach und schnell.
  • Bei Stress stockt er oder wandert in den oberen Brustraum.
  • Bei Trauer wird er schwer.
  • In Momenten von Ruhe und Vertrauen wird er tiefer, wärmer und gleichmäßiger.

Die Atmung spiegelt unseren inneren Zustand wider – und gleichzeitig können wir durch bewusste Atmung diesen Zustand aktiv verändern.

Der direkte Draht zum Nervensystem

Über den Atem beeinflussen wir den Vagusnerv und somit das vegetative Nervensystem. Die Konsequenz:Wir können innerhalb weniger Minuten von Kampf-oder-Flucht (Sympathikus) in Ruhe und Regeneration (Parasympathikus) wechseln.Das bedeutet: Atmung ist Selbstregulation in Echtzeit.Ohne Hilfsmittel, ohne Aufwand, überall verfügbar.

Ein häufiges Muster: Flache Atmung im Alltag

Viele Menschen bemerken erst, dass sie angespannt sind, wenn die Schultern hochgezogen sind oder der Kopf brummt. Doch einer der ersten Indikatoren ist: Die Atmung wird flach. Sie rutscht nach oben in den Brustraum und verliert an Tiefe.Dieser Atemmodus ist wie ein Dauer-Alarm im Körper. Je öfter er auftritt, desto schneller gewöhnt sich das Nervensystem daran – und irgendwann wird ein oberflächlicher Atem zur Norm. Die Folge:

  • chronische Anspannung
  • Schlafprobleme
  • Stressgefühle
  • Energielosigkeit
  • ein permanenter innerer Druck

Bewusste Atemarbeit bringt dich wieder zurück zu dir. Sie verlangsamt, erdet, klärt und schafft Raum – im Körper wie im Geist.

Atem verändert Emotion – und Emotion verändert Atem

Zwischen Atem und Gefühl besteht eine untrennbare Wechselwirkung:

  • Ändert sich unsere Emotion, ändert sich die Atmung.
  • Ändern wir bewusst die Atmung, beginnen sich Emotionen zu lösen, zu regulieren oder zu transformieren.

Atmung – die Brücke zwischen Körper, Qi und Gefühl

Atmen ist weit mehr als eine körperliche Funktion.In der westlichen Physiologie reguliert sie das vegetative Nervensystem.In der TCM nährt sie das Lungen-Qi, sorgt für Klarheit im Geist und unterstützt die Fähigkeit, Gefühle fließen zu lassen.Die Atmung reagiert auf jede innere Bewegung:

EmotionTypische Atemreaktion
Angst & Stressflach, schnell, oben in der Brust
Traurigkeitschwer, seufzend
Wutgepresst, hitzig, ungleichmäßig
Ruhetief, warm, gleichmäßig

Ein freier Atemfluss unterstützt innere Präsenz, emotionale Stabilität und mentale Klarheit. Wird der Atem eng, engt sich auch das Erleben – körperlich wie emotional.

Warum bewusste Atemübungen in den Alltag gehören

Atemtechniken sind keine „Notfall-Strategie“, sondern ein Training für mehr innere Stabilität. Wer regelmäßig übt, baut eine stärkere Stress-Resilienz auf und schafft einen inneren Anker. Schon wenige Minuten täglich reichen, um eine spürbare Veränderung zu bewirken.

Mini-Toolkit: 3 Atemübungen für deinen Alltag

1. Nervensystem beruhigen: Verlängerte Ausatmung (Vagus-Atmung)

Diese Technik aktiviert den Parasympathikus und schafft innere Ruhe.So geht’s:

  • Setze dich aufrecht hin und lege eine Hand auf den Bauch.
  • Atme 4 Sekunden durch die Nase ein.
  • Atme 6–8 Sekunden durch den Mund aus (wie durch einen Strohhalm).
  • Wiederhole 6–10 Runden.

2. Mehr Energie & Klarheit: Atem + sanftes Klopfen auf dem Brustkorb

Diese Kombination fördert Weite im Brustraum und weckt frisches Qi.So geht’s:

  • Stelle dich aufrecht hin, Schultern entspannt.
  • Klopfe mit den Fingerspitzen sanft unterhalb der Schlüsselbeine entlang des Brustkorbs.
  • Atme tief durch die Nase ein und durch den Mund aus – für 6 Atemzüge.
  • Spüre die Weite.

3. Emotionen regulieren: „S-Atem“ für Spannungsabfluss

Hilft, innere Hitze, Druck oder Wut abzuleiten.So geht’s:

  • Atme tief durch die Nase ein und fülle den Bauch.
  • Atme langsam durch den Mund aus und forme ein leises „Sssss“.
  • Wiederhole 5–8 Mal.
  • Spüre, wie sich Anspannung löst.

Über die Autorin

Gurlit Oppolzer ist Shiatsu-Therapeutin und ganzheitlicher Coach für Emotionsmanagement und Nervensystem-Regulation. In ihrer Arbeit verbindet sie Körperarbeit, Bewusstseinsentwicklung und praktische Methoden zur Selbstregulation, um Menschen zurück in innere Balance und Klarheit zu begleiten.

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